agendadesign2-titel»agenda design« heißt ein »Magazin für Gestaltung«, das von der Allianz deutscher Designer (AGD) herausgegeben wird. Die AGD will sich damit »an den aktuellen Diskussionen in der Designszene beteiligen, selbst Position beziehen und uns mit den Positionen anderer auseinandersetzen.« Jede Ausgabe soll sich dementsprechend mit einem Oberthema befassen, das dann aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet wird. In der aktuellen Ausgabe 2 dreht sich alles um »Grenzen«, und zwar »im politischen wie auch im übertragenen Sinne, aber immer im Hinblick auf die Rolle der Gestalter«, wie Chefredakteur Florian Alexander Schmidt im Vorwort schreibt. Dementsprechend unterschiedlich sind dann auch die Artikel:

Design-Professorin Birgit Bauer schreibt in ihrem Text Die Weltverbesserer zunächst über den Anspruch vieler Designer, die Welt zu verbessern. Im weiteren Verlauf geht es dann aber eher darum, wie heutzutage der Begriff »Design« definiert wird. Als Fazit bleibt, dass in einer digitalen, vernetzten, aber gleichzeitig immer individualisierteren Welt der Designbegriff immer unschärfer und eben individueller wird: »Ob ihr Eingreifen (Anm. des Rezensenten: das der jungen DesignerInnen) in die Welt am Ende noch Design heißt, ist ihnen letzlich egal.«

Elvia Wilk befasst sich in Die Mauer als Entwurf mit realen Grenzen, Zäunen und Mauern – wie der Absperrung zwischen den USA und Mexiko, die Sperranlagen im Westjordanland oder der nicht mehr existenten Berliner Mauer. »Sicherheit« ist staatlich wie privat derzeit ein großes Geschäft, und so gibt es viele praktische, aber auch spielerische Ideen, was mit Grenzen zusätzlich erreicht werden kann, wie Solarzellen zur Energiegewinnung oder spezielle Schleusen, die Tieren den Grenzübertritt weiterhin ermöglichen. Aber auch Wippen für grenzüberschreitendes gemeinsames Spielen oder eine für Lebensmittel durchlässige »Burrito Wall«. Abschließend fordert Wilk: »Architekten und Designer müssen Verantwortung übernehmen (…) für die politische und soziale Dimension ihrer Profession.«

Chefredakteur Schmidt schreibt in #Neuland über die Idee künstlicher Inseln. Dort sollen neue Gesellschaftsformen gelebt werden – was in der Softwareentwicklung so gut funktioniert, soll demzufolge in allen Lebensbereichen der richtige Weg sein. Seasteading nennt sich die Idee, die parlamentarische Demokratie als innovationsfeindlich ablehnt. Regierungen sollen nach dem Prinzip des freien Marktes um ihre Bürger konkurrieren. Und da alles Land schon verteilt ist, soll also aufs Meer ausgewichen werden. »Kurzum: die Errungenschaften der Zivilisation, bloß ohne die lästigen Pflichten.«

In einem Interview erläutern Sabine Müller und Andreas Quednau vom Architekturbüro SMAQ ihre Ideen für die Umgestaltung der Palmen-Insel, die vor einigen Jahren vor Dubai im Meer künstllich angelegt wurde. um Nachhaltigkeit und Gemeinschaft zu fördern, plädieren die beiden für die Renaturierung des einen Teil der Insel und urbane Verdichtung der anderen Insel-Hälfte.

Im anschließenden Text Die Ernie-Offensive schreibt AGD-Vorsitzender Andreas Jacobs über seine beiden Gehirnhälften, die er Ernie und Bert nennt: Bert ist diszipliniert, Ernie chaotisch. Und nur wenn nach Bert auch Ernie zum Einsatz kommt, entstehen wirklich kreative Ideen.

agendadesign2-innen

Der zweite Teil des Magazins stellt verschiedene Kreative vor: Der »Projektor« überschriebene Abschnitt zeigt Arbeiten von AGD-Mitgliedern, diesmal aus den Bereichen Kommunikationsdesign, Fotodesign und Kunst. Wie die Auswahl der gezeigten Kreativen erfolgt, wird nicht erläutert.

Die vorliegende »agenda design 2« ist ein interessanter, mitunter anregender Lesestoff, überzeugend in Form gebracht von Jan-Hendrik Schmidt. Alle Texte unter einem Thema zu bündeln und aus verschiedenen Blickwinkeln unterschiedliche Aspekte in längeren Texten zu betrachten, ist ein guter Ansatz.

Das selbst gesteckte Ziel der AGD, sich dadurch »an den aktuellen Diskussionen in der Designszene [zu] beteiligen, selbst Position [zu] beziehen und uns mit den Positionen anderer auseinander[zu]setzen«, wird allerdings (noch?) nicht erreicht. Dafür sind die Artikel der vorliegenden Ausgabe eher informativ als pointiert und Stellung beziehend. Aber das kann man von der zweiten Ausgabe einer neuen Publikation vielleicht auch nicht erwarten.

Es muss dementsprechend die Weiterentwicklung abgewartet werden, ob »agenda design« die knapp über 30.000 €, die jede Ausgabe den Verband kostet (abzüglich der Einnahmen), rechtfertigt.

»agenda design« versteht sich nicht als Mitgliedermagazin o.ä., ist bislang allerdings nur über die Website der AGD für 12,50 €  zu bekommen und nicht im Zeitschriftenhandel (nur punktuell in Berlin)  erhältlich. Mitglieder erhalten ein Exemplar kostenlos zugeschickt.

Ein Kritikpunkt: Die Anzeige der Druckerei Wanderer, die das Magazin klimaneutral gedruckt hat, ist einfach nur peinlich und unangebracht mit ihrer komplett sinnfreien Zurschaustellung nackter Frauen. Unverständlich, dass die Redaktion bzw. die Herausgeber da kein Veto eingelegt haben.


Anmerkung: Ich bin kein Mitglied der AGD. Vielen Dank an AGD-Vorstandsmitglied Sabine Reister, von der ich ein Rezensionsexemplar kostenlos erhielt. Die Geschäftsstelle der AGD lehnte dies ab.