Wann ist Design eigentlich gut?

Norbert Möller ist »Executive Creative Director« bei der Peter Schmidt Group und nebenbei Kolumnist für das Branchenblatt w&v. In seiner Kolumne vom 11. April 2017 fragt er »Wann ist Design eigentlich gut?«:

Wir Designer müssen akzeptieren, dass Ästhetik alleine kein sicherer Bewertungsmaßstab für „gutes Design“ ist.

Eine Selbstverständlichkeit, die eigentlich nicht erwähnt werden muss. Natürlich geht es bei (Kommunikations-)Design nicht nur um Geschmack und Ästhetik. Das Design hat eine Aufgabe zu erfüllen und muss ein vorher definiertes Ziel erreichen. Wenn ich von meinen Auftraggebern »Das gefällt mir nicht« höre, dann antworte ich, dass das weitestgehend egal ist:

Erstens muss das Design nicht den Auftraggeber, sondern die Zielgruppe ansprechen (Wurm, Angler und Fisch – Sie wissen schon…) und zweitens kann etwas auch ästhetisch komplett missfallen (auch der Zielgruppe), wenn es denn seinen Zweck erfüllt (Denken Sie beispielsweise an die Seitenbacher-Radiowerbung).

Interessant finde ich Möllers Kolumne auch noch aufgrund eines anderes Aspekts:

Wir [Designer] brauchen zusätzliche objektive Kriterien, um Kunden überzeugen zu können und ihnen die Entscheidung für einen neuen, im ersten Schritt ungewohnten, Entwurf zu erleichtern. (…) Noch besser, wenn man (…) belegt, dass das neue Design Geld spart – oder auch: dass wir Designer dem Unternehmen damit so viel Geld einsparen, dass es uns davon bezahlen kann.

Auch ich vermittle meinen Kunden (besser: Auftraggebern), dass meine Arbeit ihnen einen Mehrwert bietet und damit eine lohnende Investition darstellt. Aber belegen? Das stelle ich mir schwierig vor. Vermutlich sind die Auftraggeber und die Aufträge der Peter Schmidt Group und von Klute Kommunikation nicht vergleichbar. Um belegen zu können, dass meine Arbeit Geld einspart, fehlen mir zumindest die betriebswirtschaftlichen Einblicke in die Kostenstrukturen meiner Auftraggeber.

Einsparungsmöglichkeiten aufzeigen geht sicherlich, diese zu belegen meiner Meinung nach nicht.*

Wir müssen für uns akzeptieren, dass unsere Arbeit nicht bei der Gestaltung aufhört, sondern dass wir uns fundiert damit auseinandersetzen müssen, wie Marken organisiert sind und wie sie Design anwenden.

Das möchte ich gerne ergänzen: Und die Auftraggeber müssen akzeptieren, dass sie Designer nicht erst am Ende eines Prozesses zum »hübsch machen« hinzu ziehen dürfen, sondern dass Designer frühzeitig eingebunden werden müssen, um den maximalen Mehrwert – was auch Einsparungen sein können – zu erzielen.

Dementsprechend antworte ich auf die Aussage »Ich brauche einen Flyer« meist: »Nein. Sie brauchen keinen Flyer. Sie haben ein Ziel, dass Sie erreichen wollen. Lassen Sie uns gemeinsam sehen, ob ein Flyer oder vielleicht etwas ganz anderes der beste Weg ist, dieses Ziel zu erreichen.«

Beleg


*  Gerne lasse ich mich vom Gegenteil überzeugen!

Kreativwirtschaft – ein Lagebericht für Hamburg

Ende 2016 wurde gemeinsam von der Kulturbehörde der Stadt und der Hamburger Kreativgesellschaft der 2.­ »Kreativ­wirtschafts­bericht Hamburg« vorgestellt. In ihm wird die aktuelle wirtschaftliche Situation der Kreativen in der Hansestadt erläutert. Neben der Auswertung von wirtschaftlichen Zahlen, dem letzten Mikrozensus und einer Umfrage, an der 779 Personen teilnahmen, wurden für jeden der elf (durch die Politik festgelegten) Teilbereiche der Kreativwirtschaft jeweils auch Protagonisten zu ihrem Teilbereich befragt; für die Designwirtschaft wurde auch ich um meine Einschätzungen gebeten, die sich nun in dem Bericht (Seite 77f.) wieder finden. Ich habe den Kreativwirtschaftsbericht (ehrlich gesagt nicht alle 130 Seiten) gelesen, und mir sind ein paar interessante Punkte aufgefallen.

Zunächst ein paar Zahlen, die sich vor allem auf das Jahr 2013 beziehen (Anmerkung: Ich bin kein Statistiker; dementsprechend freue ich mich über eine Nachricht, falls ich an der einen oder anderen Stelle falsch zitiert oder gerechnet habe):

Die Selbstständigen und Unternehmen in der Kreativwirtschaft machen 18,8 % aller Hamburger Unternehmen und Selbstständigen aus. 87.467 Erwerbstätige in der Kreativwirtschaft entsprechen 6,4 % der Hamburger Erwerbstätigen (auf Seite 13 ist von 7,4 % die Rede). Von diesen sind cirka zwei Drittel Beschäftigte, ein Drittel Selbstständige. *

Die Umsätze in der Kreativwirtschaft lagen 2013 bei über 10 Milliarden Euro, was pro Erwerbstätigen ca. 123.000 Euro bedeuten und lediglich 2,6 % der Hamburger Gesamtwirtschaft entsprechen. Von den Selbstständigen liegt bei über der Hälfte (53,1 %) der Jahresumsatz niedriger als 17.500 Euro.

Also: Es sind viele Unternehmen, mit wenig Angestellten, mit noch weniger Umsatz.

In »meinem« Teilbereich, der Designwirtschaft, gibt es ca. 12.000 Erwerbstätige; auch hier sind ein Drittel davon selbstständig. Der Umsatz der Designwirtschaft liegt bei 1,4 Milliarden Euro (117.000 € pro Erwerbstätigem) und stellt damit 11,4 % der Kreativwirtschaft dar.

Der durchschnittliche Umsatz pro Person in der Kreativwirtschaft allgemein, aber auch in der Designwirtschaft darf nicht darüber hinweg täuschen, dass die Lage vieler Selbstständiger prekär ist. Neueste Zahlen der Künstlersozialkasse zeigen, dass der durchschnittliche der über 180.000 dort Kranken- und Rentenversicherten über ein Jahreseinkommen von weniger als 16.000 € verfügt. Andere Umfragen, beispielsweise des Berufsverbands der Kommunikationsdesigner (BDG), kommen zu ähnlichen Zahlen.

Die Hamburger Kreativgesellschaft hat das erkannt. Ihr Geschäftsführer Egbert Rühl weist in seinem Vorwort darauf hin, dass eine Ursache dafür die kleinteilige Struktur und Organisation der Kreativwirtschaft ist: »Das hat zur Folge, dass die strukturellen Mechanismen der wirtschaftspolitischen Aushandlungsprozesse mit Spitzenverbänden und Branchenvertretungen nicht bedient werden können, weil die Kreativwirtschaft solche Strukturen nicht ausbilden kann, weil die Kleinteiligkeit verhindert, dass dafür Kapazitäten zur Verfügung stehen.« Und weiter: »Die große Heterogenität der Kreativwirtschaft (…) stellt ebenfalls ein Hindernis auf dem Weg zu Positionierung und Interessenvertretung dar.« Rühl fordert: »Kreativität ist eben nicht das Öl der digitalen Wirtschaft und Gesellschaft, sondern eine menschliche Fähigkeit, die sich entfaltet, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Dazu gehören mindestens Zusammenarbeit auf Augenhöhe und dass die Akteure immer an dem Profit aus ihren kreativen, innovativen, transformativen Leistungen angemessen beteiligt werden.« (Alle Zitate Seite 9; Hervorhebung von mir)

Meine Hoffnung ist, dass sich daraus auch Handlungsschritte ergeben, also seitens der Kreativgesellschaft und vielleicht auch seitens der Kultur- und der Wirtschaftsbehörde Maßnahmen initiiert und unterstützt werden, die Organisation der Kreativen und die Schaffung von Interessenvertretungen fördert. (Mit Hamburg Hoch 11 gab es diesbezüglich mal einen Ansatz, der aber – so mein Eindruck – irgendwie stecken geblieben und heute bedeutungslos ist.)

 


* Bei diesen Zahlen nicht erfasst wurden dabei die Selbstständigen, die weniger als 17.500 Euro pro Jahr verdienten. Eine Schätzung aufgrund der Daten aus dem Mikrozensus ergibt, dass ca. 14.400 weitere Personen der Kreativwirtschaft zugerechnet werden können.

Haltung zeigen

Ende 2015 schrieb ich hier im Blog dies*:

Von Anfang an meiner Selbstständigkeit war es mir ein Bedürfnis, Mitglied eines Berufsverbandes zu sein. Meine Hauptmotivation dafür war und ist, in einem Zusammenschluss mit Gleichgesinnten an der Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen selbstständiger Designer mitzuwirken. Dazu gehört u.a. Lobbyarbeit, durch die die Wertschätzung von Design bei unseren Auftraggebern aus Wirtschaft, Kultur und Politik erhöht werden soll. (Frank Wagner hat zum Thema »Wert von Design« ein gutes Buch geschrieben.)

Das gilt unverändert.

Um an diesen Zielen zu arbeiten, habe ich entschieden, mich nach einem Jahr Verbands-Abstinenz dem Berufsverband der Kommunikationsdesigner (BDG) anzuschließen. Wichtigstes Kriterium ist für mich dabei, dass der BDG es so wie ich sieht: Als Kommunikationsdesigner bin ich Unternehmer (und kein Künstler), der seinen Auftraggebern einen Mehrwert verschafft (und nicht nur Sachen »anhübscht«)

Ich bin optimistisch, dass es dem BDG gelingt, die damit verbundene Haltung durch langfristige, nachhaltige (Lobby-)Arbeit auch bei den Entscheidern in Politik und Wirtschaft – den Auftraggebern also – zu verankern. Gerne trage ich meinen Teil dazu bei. Mal sehen, wo und wie ich mich diesbezüglich im Verband einbringen kann.

Und warum es grundsätzlich wichtig und richtig ist, Mitglied (s)eines Berufsverbands zu sein, erläutere ich dann mal an anderer Stelle.


* Den Text hatte ich Ende 2015 anlässlich meines Austritts aus der »Allianz deutscher Designer« (AGD) verfasst. Die AGD ist der andere deutsche Berufsverband für Designer, krankt aber einerseits am grundsätzlichen Konstrukt (jede/r darf Mitglied werden, auch Nicht-Designer unabhängig von Beruf und Professionalität) und andererseits am handelnden Personal.

 

Zum Jahreswechsel

…wünsche ich allen Kunden, Kollegen und Freunden – und allen anderen Menschen auch – friedvolle, entspannte Festtage und ein ebensolches neues Jahr!

weihnachten2016

agenda design 2

agendadesign2-titel»agenda design« heißt ein »Magazin für Gestaltung«, das von der Allianz deutscher Designer (AGD) herausgegeben wird. Die AGD will sich damit »an den aktuellen Diskussionen in der Designszene beteiligen, selbst Position beziehen und uns mit den Positionen anderer auseinandersetzen.« Jede Ausgabe soll sich dementsprechend mit einem Oberthema befassen, das dann aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet wird. In der aktuellen Ausgabe 2 dreht sich alles um »Grenzen«, und zwar »im politischen wie auch im übertragenen Sinne, aber immer im Hinblick auf die Rolle der Gestalter«, wie Chefredakteur Florian Alexander Schmidt im Vorwort schreibt. Dementsprechend unterschiedlich sind dann auch die Artikel:

Design-Professorin Birgit Bauer schreibt in ihrem Text Die Weltverbesserer zunächst über den Anspruch vieler Designer, die Welt zu verbessern. Im weiteren Verlauf geht es dann aber eher darum, wie heutzutage der Begriff »Design« definiert wird. Als Fazit bleibt, dass in einer digitalen, vernetzten, aber gleichzeitig immer individualisierteren Welt der Designbegriff immer unschärfer und eben individueller wird: »Ob ihr Eingreifen (Anm. des Rezensenten: das der jungen DesignerInnen) in die Welt am Ende noch Design heißt, ist ihnen letzlich egal.«

Elvia Wilk befasst sich in Die Mauer als Entwurf mit realen Grenzen, Zäunen und Mauern – wie der Absperrung zwischen den USA und Mexiko, die Sperranlagen im Westjordanland oder der nicht mehr existenten Berliner Mauer. »Sicherheit« ist staatlich wie privat derzeit ein großes Geschäft, und so gibt es viele praktische, aber auch spielerische Ideen, was mit Grenzen zusätzlich erreicht werden kann, wie Solarzellen zur Energiegewinnung oder spezielle Schleusen, die Tieren den Grenzübertritt weiterhin ermöglichen. Aber auch Wippen für grenzüberschreitendes gemeinsames Spielen oder eine für Lebensmittel durchlässige »Burrito Wall«. Abschließend fordert Wilk: »Architekten und Designer müssen Verantwortung übernehmen (…) für die politische und soziale Dimension ihrer Profession.«

Chefredakteur Schmidt schreibt in #Neuland über die Idee künstlicher Inseln. Dort sollen neue Gesellschaftsformen gelebt werden – was in der Softwareentwicklung so gut funktioniert, soll demzufolge in allen Lebensbereichen der richtige Weg sein. Seasteading nennt sich die Idee, die parlamentarische Demokratie als innovationsfeindlich ablehnt. Regierungen sollen nach dem Prinzip des freien Marktes um ihre Bürger konkurrieren. Und da alles Land schon verteilt ist, soll also aufs Meer ausgewichen werden. »Kurzum: die Errungenschaften der Zivilisation, bloß ohne die lästigen Pflichten.«

In einem Interview erläutern Sabine Müller und Andreas Quednau vom Architekturbüro SMAQ ihre Ideen für die Umgestaltung der Palmen-Insel, die vor einigen Jahren vor Dubai im Meer künstllich angelegt wurde. um Nachhaltigkeit und Gemeinschaft zu fördern, plädieren die beiden für die Renaturierung des einen Teil der Insel und urbane Verdichtung der anderen Insel-Hälfte.

Im anschließenden Text Die Ernie-Offensive schreibt AGD-Vorsitzender Andreas Jacobs über seine beiden Gehirnhälften, die er Ernie und Bert nennt: Bert ist diszipliniert, Ernie chaotisch. Und nur wenn nach Bert auch Ernie zum Einsatz kommt, entstehen wirklich kreative Ideen.

agendadesign2-innen

Der zweite Teil des Magazins stellt verschiedene Kreative vor: Der »Projektor« überschriebene Abschnitt zeigt Arbeiten von AGD-Mitgliedern, diesmal aus den Bereichen Kommunikationsdesign, Fotodesign und Kunst. Wie die Auswahl der gezeigten Kreativen erfolgt, wird nicht erläutert.

Die vorliegende »agenda design 2« ist ein interessanter, mitunter anregender Lesestoff, überzeugend in Form gebracht von Jan-Hendrik Schmidt. Alle Texte unter einem Thema zu bündeln und aus verschiedenen Blickwinkeln unterschiedliche Aspekte in längeren Texten zu betrachten, ist ein guter Ansatz.

Das selbst gesteckte Ziel der AGD, sich dadurch »an den aktuellen Diskussionen in der Designszene [zu] beteiligen, selbst Position [zu] beziehen und uns mit den Positionen anderer auseinander[zu]setzen«, wird allerdings (noch?) nicht erreicht. Dafür sind die Artikel der vorliegenden Ausgabe eher informativ als pointiert und Stellung beziehend. Aber das kann man von der zweiten Ausgabe einer neuen Publikation vielleicht auch nicht erwarten.

Es muss dementsprechend die Weiterentwicklung abgewartet werden, ob »agenda design« die knapp über 30.000 €, die jede Ausgabe den Verband kostet (abzüglich der Einnahmen), rechtfertigt.

»agenda design« versteht sich nicht als Mitgliedermagazin o.ä., ist bislang allerdings nur über die Website der AGD für 12,50 €  zu bekommen und nicht im Zeitschriftenhandel (nur punktuell in Berlin)  erhältlich. Mitglieder erhalten ein Exemplar kostenlos zugeschickt.

Ein Kritikpunkt: Die Anzeige der Druckerei Wanderer, die das Magazin klimaneutral gedruckt hat, ist einfach nur peinlich und unangebracht mit ihrer komplett sinnfreien Zurschaustellung nackter Frauen. Unverständlich, dass die Redaktion bzw. die Herausgeber da kein Veto eingelegt haben.


Anmerkung: Ich bin kein Mitglied der AGD. Vielen Dank an AGD-Vorstandsmitglied Sabine Reister, von der ich ein Rezensionsexemplar kostenlos erhielt. Die Geschäftsstelle der AGD lehnte dies ab.

 

Künstlersozialkassenprekariat?

Jan-Peter Wahlmann, Vorstandsmitglied der Allianz deutscher Designer e.V. (AGD), kritisiert in einem auf der Website der AGD veröffentlichten Text mit der Überschrift »Künstlerprekariat« , dass bei der Definition des Begriffs »Prekariat« die Zufriedenheit mit der eigenen (beruflichen) Situation nicht berücksichtigt wird. Zugleich rät er, bei Problemen das Gespräch mit Kollegen zu suchen.

Allgemein scheint sich im Netz niemand für den Text zu interessieren. Zu Recht, wie ich zunächst fand. Auch ich habe den Text erst nur überflogen. Denn die Forderung, bei der Definition von Prekariat auch die Zufriedenheit zu berücksichtigen, halte ich für falsch und sogar kontraproduktiv und gefährlich, wenn es darum geht, die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Designer zu verbessern. Und das ist – zumindest laut Satzung – ein Ziel der AGD.

Vor kurzem erschien zu diesem Thema ein sehr interessantes Interview, in dem sich die Arbeitssoziologin Alexandra Manske zur Arbeitswelt insbesondere in der Kultur- und Kreativwirtschaft äußert. Sie sieht zutreffend die große Gefahr weit verbreiteter Altersarmut, eben gerade auch durch die von Wahlmann so titulierte »Zufriedenheit«, die bei Manske eher »Selbstverwirklichung« heißt.

In einer nicht-öffentlichen Facebook-Gruppe hat sich ein Designer-Kollege dann doch mit dem Text beschäftigt und so echauffiert, dass ich ihn doch noch mal genauer gelesen habe. In der Einleitung geht Wahlmann auf die Begriffe Künstlerprekariat und Künstlersozialkasse ein:

Vor ein paar Jahren fragte mich ein Kunde, ob man als Designer von seiner Arbeit überhaupt leben kann. Damals hörte ich zum ersten Mal vom »Künstlerprekariat«. Inzwischen wird dieser Begriff schon fast inflationär verwendet. Politiker, Wissenschaftler und Verbandsfunktionäre reden gern vom Prekariat, um die wirtschaftliche Situation der Kreativen in einem dramatischen Licht darzustellen.

Künstlerprekariat wird seiner Meinung nach »fast inflationär« gebraucht. Google sieht das ziemlich anders – wobei man natürlich darüber diskutieren kann, ab wann etwas »fast inflationär« ist*:

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Der Begriff Künstlerprekariat wurde von Chris Dercon in einem Interview im Magazin »monopol« im Jahr 2010 geprägt. Nachdem der Artikel vor sechs Jahren kurz Wellen geschlagen hat, wurde es danach wieder ziemlich still um das Thema und den Begriff. Zumindest für das geschriebene, veröffentlichte Wort »Künstlerprekariat« gilt also nicht, dass es gerne benutzt wird.

Kombiniert mit dem Begriff der »Künstler-Sozial-Kasse« entsteht so der Eindruck, dass die Designer wirtschaftlich unfähig sind und von der Gesellschaft alimentiert werden müssen. Doch entspricht das überhaupt der Wahrheit?

Ob das der Wahrheit entspricht, also ob Designer wirtschaftlich unfähig sind und ob sie von der Gesellschaft alimentiert werden müssen, wird im Text nicht erörtert. Es bleibt unklar, ob es ihm hier nur um die Begriffe geht, oder ob er vielleicht sogar das ganze Konstrukt Künstlersozialkasse – zumindest für Designer – in Frage stellt.

Wenn es um den Begriff KSK geht: 

Der Begriff »Künstlersozialkasse« ist sicherlich wirklich nicht zeitgemäß, gerade bei der großen Anzahl an Berufsgruppen, die sich neben Künstlern und Designern über die KSK versichern können. Eine passenderer Name wäre wünschenswert. (Andererseits: Denkt jeder Arbeitgeber, seine Angestellten seien dauerhaft krank, nur weil er dauerhaft für seine Angestellten Beiträge an die Krankenkasse abführen muss?)

Wenn es um die Institution KSK geht: 

Möchte Wahlmann (oder der AGD-Vorstand – unterzeichnet ist die Veröffentlichung mit »Jan-Peter Wahlmann, AGD-Vorstand«) andeuten, dass er das Konstrukt Künstlersozialkasse kritisch sieht bzw. vielleicht sogar in Gänze für Designer ablehnt? Richtig ist: Designer sind keine Künstler. Gerade die Berufsverbände betonen immer wieder, dass Design ein Wirtschaftsfaktor ist. Darum könnte man berechtigt die Frage diskutieren, ob Designern grundsätzlich die Möglichkeit der Absicherung (»von der Gesellschaft alimentiert«) über die KSK erlaubt sein soll. Aber diese wie ich finde interessante Frage beantwortet Wahlmann leider nicht.


* Google-Suchergebnisse hängen immer von dem eigenen Suchverhalten ab. Die genaue Zahl kann bei jedem Suchvorgang anders sein.
Für den Ausdruck »fast inflationär« gibt es bei Google übrigens immerhin knapp 16.000 Treffer… :-)

KSK v16.1

Am 11. Januar 2016 war der Kölner Anwalt Andri Jürgensen in Hamburg zu Gast, um Studierenden und Berufsanfängern aus dem künstlerischen Bereich die Grundzüge der Künstlersozialkasse zu erläutern. Ich bin zwar kein Berufsanfänger mehr und beschäftige mich schon länger mit der KSK, erhielt aber dennoch auch ein paar interessante Infos durch den Vortrag. Eingeladen hatte die Kreativgesellschaft Hamburg, wodurch der Vortrag kostenlos war.*

Zur KSK hatte ich schon in den vergangenen Jahren (2013|2014|2015) Blog-Beiträge veröffentlicht. Der verrückteste für mich neue Aspekt diesmal:

Werbefotografen, die mit ihren Fotos Geld verdienen, sind gemäß KSK-Definition „Künstler“ und dürfen damit in die KSK.

Künstlerische Fotografen, die mit ihren Arbeiten kein Geld verdienen, sind hingegen keine „Künstler“ nach KSK-Definition und damit nicht KSK-berechtigt. (Es sei denn, sie können durch z.B. Ausstellungen [wobei es da wieder wichtig sei, wo diese statt finden] oder Mitgliedschaft im BBK nachweisen, dass sie als Künstler anerkannt sind…)

Andri Jürgensen betonte außerdem sehr deutlich die Unterschiede zwischen privater (PKV) und gesetzlicher Krankenversicherung (GKV) und sprach eine deutliche Empfehlung für die gesetzliche aus: Die Beiträge zur PKV sind vom Einkommen abgekoppelt und steigen (fast) jedes Jahr. Die Beiträge zur GKV orientieren sich hingegen am Einkommen und sinken damit, wenn es mal nicht so gut läuft. Und zur PKV bekommt man nur bis zu 50% Zuschuss (nie mehr als der Zuschuss zur GKV wäre), zur GKV hingegen immer 50% Zuschuss.

Wer zwischendurch mal für ein Jahr oder länger angestellt und in dieser Zeit zwangsläufig nicht über die KSK versichert ist, ist anschließend nicht automatisch wieder KSK-berechtigt, sondern wird wieder ganz neu geprüft.

Auch bei anderen Punkten fand Herr Jürgensen klare Worte:

Rufen Sie nie bei der KSK an. Das bringt nichts.

Es bleibt spannend, wie es mit der KSK weiter geht. Durch das »Künstlersozialabgabestabilisierungsgesetz« erhält die Rentenversicherung seit vergangenem Jahr Zuschüsse und damit ausreichend Ressourcen, um 400.000 statt bislang 70.000 Unternehmen zu prüfen. Ob das angestrebte Ziel von 18 bis 20 Millionen Euro Mehreinnahmen damit erreicht wurde, ist noch nicht klar – die Zahlen für 2015 liegen noch nicht vor.


* Gerade beim Thema KSK erlebe ich immer noch viel Unwissenheit, auch bei Nicht-Berufsanfängern. Hier könnte die Kreativgesellschaft gerne aktiv(er) werden.

Die DPD-Chroniken

19.11.2015

Das Paket mit den Faltblättern für einen Kunden von mir verlässt die Druckerei. Es ist genügend Zeit bis zu der Veranstaltung am 27.11., bei der die Faltblätter verteilt werden sollen. Der ausführende Paketdienst ist DPD und laut Eigenwerbung (grammatikalisch etwas schwammig) »your delivery experts«.

20.11.2015

Das Paket ist in Hamburg angekommen – und bleibt erst einmal fünf Tage liegen. Aus »Platzmangel«. Ein sich mir nicht erschließender Widerspruch.

25.11.2015

Das Paket befindet sich in der Auslieferung. Laut Tracking auf der DPD-Website kann das Paket allerdings um 15.59 Uhr nicht zugestellt werden. Beim Kunden gibt es einen Pförtner, so dass immer jemand anwesend ist. Es wird auch kein Benachrichtigungszettel hinterlassen.

Statt am folgenden Tag eine erneute Zustellung zu versuchen, soll das Paket zu einem Paketshop geliefert werden, damit der Kunde das dann dort selber abholt. Auch diese Zustellung klappt nicht, weil der Paketshop bereits geschlossen ist, als der Fahrer dort ankommt.

26.11.2015

Noch ein Tag bis zur Veranstaltung.

Es wird ein erneuter Zustellversuch vorgenommen, allerdings nicht bei meinem Kunden, sondern im Paketshop!

Als ich dies bemerke, schalte ich mich ein und kontaktiere DPD. Ich fordere statt dessen die Zustellung beim Kunden, was aber nicht möglich sei.

Ich finde es unzumutbar, dass mein Kunde das Paket mit den Drucksachen selber abholen soll, zumal ja die Leistung »Zustellung beim Kunden« beauftragt und bezahlt war. Außerdem hat mein Kunde ja keinen Abholschein, würde das Paket also gar nicht ausgehändigt bekommen.

Das Paket erreicht sein Ziel »Paketshop«.

Zur Lösung schlage ich vor, das Paket mit einem Kurier vom Paketshop zum knapp 3 km entfernten Kunden zu liefern. Kostet nicht viel, und DPD hätte einen beruhigten Kunden mehr – und ich auch. Auf diesen Vorschlag wird nicht eingegangen, aber ein erneuter Zustellversuch für den 27.11. versprochen.

27.11.

Die Angaben im Tracking sind leicht verwirrend, aber klar ist: Das Paket wurde nicht früh morgens im Paketshop abgeholt, sondern entweder 11.45 Uhr oder 15.10 Uhr. Schon zwei Minuten später steht fest, dass das Paket nicht zugestellt werden kann. Warum auch immer.

Die Veranstaltung meines Kunden ist gelaufen.

Mir wird für den Montag ein erneuter Zustellversuch versprochen.

30.11.2015

Ein »Sortierfehler im Paketzustellzentrum« und – Sie ahnen es – keine Zustellung. Aber das Versprechen, dass am folgenden Tag zugestellt wird.

01.12.2015

Statt eines Zustellversuchs erhalte ich – natürlich erst auf Nachfrage – die Aussage, dass »morgen das Paket zugestellt wird«.

Ich bitte um die Herausgabe der Kontaktdaten des Zuständigen im Vorstand. Wird abgelehnt, dafür aber angeboten, dass sich jemand vom örtlichen Depot bei mir meldet. Das lehne ich ab mit Verweis auf den erlebten Dilettantismus.

02.12.2015

Im Tracking lese ich von einer »Unstimmigkeit bei der Empfangsadresse«, die dafür verantwortlich sein soll, dass am 01.12. nicht zugestellt wurde. Auf Nachfrage, was an den ausführlichen Angaben (hier für diese Auflistung anonymisiert) »Institution, Name, Raum-Angabe, Straße, PLZ, Ort« unstimmig sei, wird sich mal wieder entschuldigt und »umgehende« Nachfrage »bei den Kollegen im Depot« versprochen.

»Wir melden uns bei Ihnen umgehend, sobald wir Neuigkeiten dazu haben.« Niemand meldet sich.

03.12.2015

Zustellung erfolgt. Endlich.

 

Leider scheint das kein Einzelfall zu sein; wenn auch nicht so krass wie in diesem Fall, hörte und las ich im persönlichen Umfeld aber auch in den Weiten des Web von sehr vielen negativen Erlebnissen mit DPD.*

Zum einen wünsche ich mir, dass DPD »umgehend« Kontakt zur Duden-Redaktion aufnimmt, um eine Änderung der Definition des Wortes »umgehend« zu erreichen.

Zum anderen wünsche ich mir, dass jemand mit etwas Kapital (vermutlich ist das für Crowdfunding dann doch eine Nummer zu groß) einen Paketdienst aufbaut, der seine Mitarbeiter gut auswählt und gut bezahlt – und vielleicht auch noch auf Zustellung mit Elektrofahrzeugen setzt. Ich wäre sicher nicht der einzige, der für besseren Service mehr bezahlen würde.

 

screenshot 2015-12-03 um 09.39.25


*

Nicht vor der Arbeit, nicht in der Mittagspause, nicht nach der Arbeit und auch nicht am Samstag:
»Mein« DPD-Paketshop ist mit seinen Öffnungszeiten Mo-Fr 10-13 und 14-17.30 Uhr für »normal« arbeitende Menschen auch quasi nicht erreichbar.

 

You can choose to be a positive force

If there is one thing I hope to teach you, it is this: you will not always be safe. (…) You shouldn’t live your life seeking safety at all costs. You shouldn’t compromise your own freedom because madmen took lives, even if it’s dozens, hundreds or thousands. You shouldn’t compromise your own freedom the second, third, and fourth time something terrible happens, either.

What you can do is choose to be one of those people who help. One of those people who make the world better, in small or big ways. You will live through many more terror attacks, stupid governments, unnecessary wars. The human condition is, in many ways, heartbreaking. You cannot make the heartbreak go away. But you can choose to be a positive force. You can choose to be a helper.

Quelle: http://benlog.com/2015/11/13/letter-to-my-two-sons-november-13th-2015/

 

Neues von der KSK

Am 30. Juni 2015 fand in Hamburg eine Informationsveranstaltung zur Künstlersozialkasse statt. Arrangiert wurde die Veranstaltung von Stadtkultur Hamburg e.V., dem »Dachverband für lokale Kultur und kulturelle Bildung«, der mit dieser Veranstaltung seinen Mitgliedsverbänden die Möglichkeit verschaffte, sich über alle relevanten Fragen zur Künstlersozialkasse und -abgabe aus Sicht eines »Verwerters« zu informieren. Freundlicherweise durfte auch ich teilnehmen, obwohl ich eher Auftragnehmer als -geber bin. Aber mich interessieren auch gerade diese Aspekte, damit ich meine Auftraggeber gut über die aktuelle Rechtslage, die Pflichten und Rechte offen und ehrlich informieren kann.

Für alle, die sich nicht so mit der Künstlersozialkasse auskennen, hier kurz zusammengefasst deren Funktion: Die KSK unterstützt selbstständige Künstler und Publizisten aus vielen Berufsgruppen, indem sie den Arbeitgeberanteil für die Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung zahlt. Finanziert wird dieser Zuschuss durch eine Abgabe, die Künstlersozialabgabe, die jeder bezahlen muss, der einen »Künstler oder Publizisten« (gemäß der KSK-Liste) beauftragt – und zwar unabhängig davon, ob der Kreative von der KSK Zuschüsse erhält oder nicht! Hier und hier hatte ich bereits etwas zur KSK geschrieben.

Als Experte stand ein Mitarbeiter der KSK zur Verfügung, der ausgehend von seiner Powerpoint-Präsentation anekdotenreich alle wichtigen Details erläuterte und auch auf Neuerungen und Präzisierungen einging, die seit diesem Jahr gelten.

Es folgen ein paar Punkte, die ich mir notiert habe. Alle, sind natürlich ohne Gewähr und ohne Anspruch auf Richtigkeit! Bitte im Zweifel immer direkt bei der KSK nachfragen und sich keinesfalls nur auf das hier publizierte verlassen!!!

  • 15.425 € verdient ein über die KSK abgesicherter Kreativer im Schnitt. Pro Jahr. Das ist verdammt wenig und macht klar, wie wichtig der Zuschuss ist.
  • Wer in den Genuss einer Unterstützung der KSK kommt, ist ganz genau im Künstlerkatalog festgelegt. Aber wie überall gibt es Grenzfälle:
    DJ? Nein. DJ, der eigene Mixe macht und diese auf »Tonträgern« veröffentlicht? Ja.
    Afrodancer? Ja. Breakdancer? Nein. Weil es bei letzterem nationale und internationale Meisterschaften gibt, ist es (nach Lesart der KSK und/oder des Bundessozialgerichts) eine Sportart und keine Kunst.
    Übersetzer? Eher ja bei Belletristik. Eher nein bei Sachtexten. Wenn aber beispielsweise die Übersetzung einer Bedienungsanleitung eine kreative sprachliche Eigenleistung nötig macht, weil sie sonst komplett unverständlich wäre: Eher ja.
  • Die versicherten Künstler und Publizisten dürfen neben ihrer Haupttätigkeit auch bis zu 5.400 € jährlich mit einer Tätigkeit verdienen, die nicht-künstlerisch im Sinne der KSK ist.
  • Wenn bei einem Betriebsfest Herbert Grönemeyer für eine Millionengage auftritt, ist die Künstlersozialabgabe zu zahlen. Wenn auf diesem Fest aber nur Mitarbeiter und deren Familien anwesend sind und niemand externes, ist keine Abgabe zu zahlen.
  • Bislang musste die KSK-Abgabe nicht gezahlt werden, wenn es zu »gelegentlichen Auftragserteilungen« kam. »Gelegentlich« ist ziemliche Auslegungssache, so dass dieser Punkt jetzt präzisiert wurde: Ab 450,- € im Jahr ist unabhängig von der Häufigkeit die Abgabe zu entrichten.
  • Stehen in den Rechnungen der Kreativen Posten für Druck oder Programmierung, gehören diese nicht zu den Kosten, auf die die Abgabe zu entrichten ist. Zu zahlen ist für die kreative Arbeit und die Nebenkosten. Druck- oder Programmierungskosten sind laut Aussage des KSK-Vertreters keine Nebenkosten.
  • Irrelevant für die KSK ist, ob der Kreative mit dem vollen (19%) oder dem ermäßigten Mehrwertsteuersatz (7%) rechnet.
  • Genauso ist es der KSK egal, ob der Kreative ein Gewerbe angemeldet hat oder nicht.

Gerade zu den letzten beiden Punkten haben ich immer wieder anderes gehört, so dass ich sehr froh war, dass bei der Veranstaltung ein Mitarbeiter der KSK dies klargestellt hat.

Erhellend, was den bürokratischen Wahnsinn angeht, war auch diese Anekdote: Tritt ein Schauspieler in einem TV-Werbespot auf: Abgabepflicht auf das Honorar. Derselbe Schauspieler in der zur selben Kampagne gehörenden Print-Anzeige: Keine Abgabepflicht.


Sollte ich bei der Veranstaltung etwas falsch verstanden haben oder Sie etwas ergänzen wollen, können Sie mir gerne eine E-Mail schreiben.

 

PUBKON 2015

CDXVMbTWAAE2gxDVom 23. bis 25. April fand in Köln die PUBKON 2015 statt – die InDesign- und Publishing-Konferenz im deutschsprachigen Raum. Zusammen mit meinen fantastischen Kollegen Stephan Mitteldorf und Anselm Hannemann habe ich die Veranstaltung mit insgesamt über 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmern, drei Workshops und mehr als zwei Dutzend Rednern und Vorträgen organisiert.

Mein Arbeitsschwerpunkt im Team war vor allem die externe Kommunikation: Die Texte für die Website, Konzeption und Text für alle Newsletter stammen genauso von mir wie die allermeisten Postings bei Facebook und Twitter. Und auch während der Konferenz hörte diese Arbeit nicht auf: Kontinuierlich habe ich die Social-Media-Kanäle der PUBKON 2015 mit Text und Bild versorgt. Und auch jetzt, nach dem Event, geht diese Arbeit natürlich noch weiter.

Planen, organisieren, vernetzen, mitdenken. Kann ich.
Social-Media-Kommunikation auch.
Und Kommunikationsdesign sowieso.

Das Foto hat Klaas Posselt gemacht.

Business statt Brandschatzen

Ein Buch mit dem Untertitel „Marketing auf Skandinavisch“ weckt natürlich mein Interesse, und so habe ich „Die Wikinger kommen!“ von Steve Strid und Claes Andréasson durchgelesen – auch wenn es kein aktuelles Buch, sondern von 2007 ist.

Die beiden Autoren haben in ihrem Berufsleben viele skandinavische Marken begleitet und an weltweiten Kampagnen, unter anderen für Absolut Vodka*, mitgearbeitet. Ihr Ratgeber ist in kleine Häppchen von selten mehr als zwei Seiten unterteilt. Das macht das Lesen einfach(er), geht allerdings auch auf den etwa 170 Seiten nie wirklich in die Details.

Grundlage des weltweiten Erfolgs skandinavischer Firmen ist ihrer Meinung nach eine „tief verwurzelte skandinavische Philosophie. Es ist eine ganz eigene Art, Marken, Unternehmen, und Bewegungen zu gestalten, und sie beruht auf Einfallsreichtum, Teamwork, Geschichtenerzählen und einem feinen Sinn für Humor.“

Diesen feinen Sinn für Humor haben auch die Autoren. Strid und Andréasson schreiben flüssig und unterhaltsam. Ihre Weisheiten Ratschläge verknüpfen sie immer wieder mit Vergleichen aus der Wikinger-Zeit. Ob die immer richtig sind oder nicht vielmehr nur dem Klischee entsprechen, das wir heutzutage von den Wikingern haben? Um das zu klären, kenne ich mich nicht genug in der skandinavischen Mittelalter-Geschichte aus. Aber es ist alles stimmig und überzeugend beschrieben. Ein Beispiel (aus dem Kapitel zur Unternehmenskultur): „Die Wikinger einer Expeditionsmannschaft brachten sich vielleicht wegen Frauen, zu viel Alkohol, schlechter Drogen oder ganz einfach schlechter Laune um, aber nur selten wegen Geld. Warum? Ganz einfach:
1. Ihnen machte Spaß, was sie taten (Plündern und so weiter);
2. Sie hatten alle ein Mitbestimmungsrecht bei dem, was sie taten (Plündern und so weiter);
3. Jeder hatte das Gefühl, einen Beitrag für das gemeinsame Ziel zu leisten (Plündern und so weiter);
4. Sie hatten alle das Gefühl, dass sie selbst Herr waren über ihr Schicksal (Plündern und so weiter).
Ersetzen Sie das Wort Plündern in der oben stehenden Aufzählung durch was auch immer ihr Unternehmen tut, und sie werden anfangen, die Weisheit der Wikingermethode zu verstehen.“

Zusammenfassung: Sehr unterhaltsam geschriebener Ratgeber, inhaltlich solide, ohne große Überraschungen. Kein Kaufbefehl, aber eine Leseempfehlung.

Steve Strid / Claes Andréasson: Die Wikinger kommen! Marketing auf Skandinavisch. 2008, Redline Wirtschaft, € 15,90.

 


* Das schwedische Alphabet kennt erst seit 2006 offiziell den Buchstaben W. Darum Vodka statt Wodka.

Som morgondagens formgivare…

„Som morgondagens formgivare måste du inte kunna alt men du måste arbeta nära programmeraren och it-avdelningen. Det går inte att sitta på olika våningsplan eller, till och med, på olika geografiska platser. Som formgivare måste vi integrera oss mer med helt andra funktioner än vad vi är vana vid att ha med i våra arbetsgrupper. Jag är helt övertygad om att vi måste arbeta mer som projektledare och driva designen framåt.“

Carina Nilsson, chefredaktör hos CAP & Design

Zukünftig musst Du als Gestalter nicht alles kennen, aber Du musst nah bei den Programmierern und der IT-Abteilung arbeiten. Es geht nicht, in unterschiedlichen Stockwerken oder, noch schlimmer, an unterschiedlichen Orten zu sitzen. Als Gestalter müssen wir uns stärker integrieren, mit ganz anderen Funktionen als jenen, die wir bislang bei der Zusammenarbeit gewohnt sind. Ich bin voll und ganz überzeugt davon, dass wir mehr als Projektmanager arbeiten und so das Design nach vorne bringen müssen.

Carina Nilsson, Chefredakteurin bei CAP & Design,
der größten Designzeitschrift Nordeuropas

Übersetzung von mir.

»die« InDesign- und Publishing-Konferenz

PUBKON_OhneJahrEnde April findet in Köln die PUBKON 2015 statt, die größte InDesign- und Publishing-Konferenz in Deutschland. An zwei Tagen (24./25. April 2015) kommen Firmenvertreter, Referenten und Anwender aus der Publishing-Welt zusammen zum Weiterbilden und Netzwerken. Einen Tag vorher (23. April 2015) finden noch zwei Intensiv-Workshops statt.

Die PUBKON gibt es schon seit 2012; für 2015 bin ich zum ersten Mal im Orga-Team mit dabei. In Zusammenarbeit mit meinen Kollegen aus Dresden und München eine Veranstaltung in Köln auf die Beine zu stellen, ist schon eine gewisse Herausforderung, klappt aber bislang sehr gut.

Meine Hauptaufgabe im PUBKON-Team ist das Schreiben sämtlicher Texte: Website, Newsletter, Social Media, Sponsorenakquise-Unterlagen und vieles mehr – (fast) alles stammt aus meiner »Feder«. Für mich als MItdenker und Grafikdesigner ist das Texten zwar nicht meine Kernkompetenz, gelingt mir aber doch – nach Aussage der Kollegen – ganz gut. Und vor allem macht es mir viel Freude.

Wenn Sie Fragen zu PUBKON haben – ob als möglicher Teilnehmer oder Sponsor –, kontaktieren Sie mich gerne. 

Was fehlt?

Im Bundestag gibt es seit Frühjahr 2014 einen Ausschuss „Digitale Agenda“. Im Ausschuss sollen laut Bundestags-Website „die verschiedenen Aspekte der Digitalisierung und Vernetzung fachübergreifend diskutiert und entscheidende Weichen für den digitalen Wandel gestellt werden. Netzpolitik ist für den Ausschuss kein „Nischenthema“. (…) Das Gremium sieht sich vielmehr als wichtiger Impulsgeber für die parlamentarische Arbeit.“

Anfang Dezember 2014 traf sich der Ausschuss zu einem Fachgespräch zum Thema „Urheberrecht“. Eingeladen waren:

  • ein Medienrechtler aus Münster
  • ein Medienrechtler aus Berlin
  • ein Medienrechtler aus Göttingen
  • eine Vertreterin der Bitkom, dem Verband der Digitalwirtschaft
  • der Redaktionsleiter von von iRights.info

Wer genau hinsieht, dem fällt sofort auf, dass in dieser Liste jemand fehlt, nämlich ein Vertreter der Urheber, was laut einem Artikel auf heise.de auch die „Deutsche Content Allianz“ bedauert hat.

Die AGD – Allianz deutscher Designer – setzt sich laut eigener Aussage „vor dem Gesetzgeber (…) für ein transparentes und faires Urheberrecht ein (…).“

Der BDG – Berufsverband der Kommunikationsdesigner wirkt laut eigener Aussage „im Sinne der Kommunikationsdesigner direkt oder über Dachorganisationen und politische Kontakte auf die Gesetzgebung ein.“

Bei der iDD – Initiative Deutscher Designverbände, in der AGD und BDG beide vertreten sind, steht laut eigener Aussage „aktuell (…) die politische Einflussnahme sowie der Aufbau der strukturellen und instrumentellen Ausstattung im Fokus.“

Der Deutsche Designertag (DT) ist ein weiterer, parallel (?) existierender Dachverband, der laut eigener Aussage „die Aufgabe [hat], die gemeinsamen Interessen der Designer und der designorientierten Wirtschaft gegenüber der Öffentlichkeit und Politik wahrzunehmen.“

Der DT ist als „Sektion Design“ Vertreter der Designwirtschaft im nächsthöheren (?) Dachverband namens Deutscher Kulturrat. Dieser ist laut eigener Aussage „Ansprechpartner der Politik und Verwaltung des Bundes, der Länder und der Europäischen Union in allen die einzelnen Sparten des Deutschen Kulturrates e.V. übergreifenden kulturpolitischen Angelegenheiten.“

Dieser Kulturrat hat sich als einziger der genannten Verbände zu der der Ausschusssitzung geäußert* und „fragt sich, ob es Unwissenheit oder Ignoranz ist“, dass kein Vertreter der Urheber eingeladen wurde. Ich wünsche mir, dass der Kulturrat sich das nicht selber fragt, sondern die beteiligten Politiker. Und die Antworten – auch wenn es vielleicht keine gibt – veröffentlicht.

Zugleich sollten sich der Deutsche Kulturrat und alle Unter- und Unterunterorganisationen wie AGD, BDG, iDD, DT und wie sie sich alle abkürzen, fragen, warum sie offenbar von der Politik in so einer wichtigen Frage ignoriert werden!? (Und warum wird eine Stellungnahme des Oberdachverbandes nicht von allen verbreitet?)

Also: Wieso schaffen es die Interessensvertretungen nicht, die eigenen, auf ihren jeweiligen Websites formulierten Ansprüche zu erfüllen? Der Politik „Unwissenheit oder Ignoranz“ zu unterstellen, mag richtig sein. Damit machen es sich die Organisationen aber viel zu einfach. Sie sollten sich an die eigene Nase fassen und gemeinsam (!) Strategien entwickeln und in praktische Arbeit umsetzen, um effektiv etwas für die Urheber zu erreichen bzw. erst einmal nicht mehr ignoriert zu werden. In einem Wort: Lobbyarbeit.

Dass dazu vielleicht auch eine andere Organisationsstruktur innerhalb der Interessensverbände der Designwirtschaft sinnvoll wäre – diesem Argument kann ich mich auch nicht verschließen.


* Aktuellste Meldung bzw. Pressemitteilung auf der jeweiligen Website:

  • AGD: 09. Juli 2014
  • BDG: 14. November 2014
  • iDD: 01. August 2014
  • DT: November 2013

InDesign User Group Hamburg am 5. Juni 2014

Die InDesign User Groups sind von Adobe unabhängige, (aber) wohlwollend begleitete Veranstaltungen, bei denen sich Benutzer dieser Software zum Informationsaustausch treffen. Der Blick geht dabei oftmals auch über den „Tellerrand“ hinaus und beleuchtet alle Themen rund ums „Publishing“. Als Standortleiter Hamburg organisiere ich mit vier Kollegen zusammen die Veranstaltungen in Hamburg.

Das nächste Treffen am Donnerstag, 5. Juni 2014, stellt das Thema „Agiles Publishing“ in den Mittelpunkt. Mit diesem Begriff bezeichnen die drei Autoren Detlef Hagemann, Georg Obermayr und Matthias Günther eine neue Art der Herangehensweise beim Publizieren für Print und Digital. Was „Fokus auf den Nutzer, das Silo-Denken beenden“ genau heißt, wird Matthias Günther bei uns persönlich erläutern.* Das Buch zur Methode im Wert von € 39,90 kann im Rahmen einer Verlosung gewonnen werden! Die Website zum Buch: http://www.agile-publishing.de

Im „Praxisteil“ :-) des Abends werden mein Kollege Christof Rickmann und ich außerdem einige Tipps & Tricks zu InDesign vorstellen. Und zum Abschluss werden wir bei einer Tombola wieder wertvolle Preise verlosen – neben dem genannten Buch unter anderem auch ein Jahres-Abo der Creative Cloud von Adobe.

Die Veranstaltung ist kostenlos, zur besseren Planung bitten wir trotzdem um eine Anmeldung: http://bit.ly/idughh09

 

* Dazu passt auch dieses Zitat.

Neues zur KSK

Letztes Jahr habe ich in einem ausführlichen Blog-Beitrag die Funktion der Künstlersozialkasse und den Künstlersozialbeitrag erläutert. Seitdem gab es eine Bundestagswahl mit einigem Getöse im Wahlkampf und nun – für mich überraschend schnell – einen Gesetzentwurf des zuständigen Bundesministeriums für Arbeit und Soziales, mit dem die Künstlersozialkasse „zukunftsfest“ werden soll.

Das Gesetz sieht vor, dass zukünftig intensiver geprüft wird, so dass sich weniger Abgabepflichtige ihrer gesetzlichen Pflicht entziehen können. Die Überprüfung soll mindestens alle vier Jahre durch die Rentenversicherung erfolgen, die auch bisher für die Kontrolle zuständig war, dies aber wegen des zusätzlichen Aufwands nur ungenügend machte. Die Folge davon waren sinkende Einnahmen, die Notwendigkeit eines höheren Zuschusses durch den Staat und große Unzufriedenheit bei den ehrlichen Zahlern, da deren Beitrag auf zuletzt 5,2 % des Nettorechnungsbetrags stieg.

Gleichzeitig bekäme bei Verabschiedung des Gesetzes auch die Künstlersozialkasse selbst das Recht, Überprüfungen durchzuführen. Ob dieses Nebeneinander in der Praxis funktioniert, darf bezweifelt werden und erfordert als erstes zusätzlichen bürokratischen Aufwand, damit zwischen Rentenversicherung und Künstlersozialkasse klar ist, wer denn nun wen wann prüfen darf/muss.

Die Regierung sieht das auch so und und erwartet Mehrkosten von 13,6 Mio €. Allerdings spricht sie von einem „Effizienzgewinn“ durch die Neuregelung und prognostiziert Mehreinnahmen von 32 Mio €.

Knapp 18 Mio € (32 minus 14) sollen dementsprechend also durch das neue Gesetz zusätzlich an die Künstlersozialkasse fließen (Das Magazin Monopol schreibt von 20 Mio € – ich rechne lieber mit den Zahlen der Bundesregierung). Das würde – wenn ich mich nicht verrechnet habe* – bei dem aktuellen Haushalt der KSK dazu führen, dass der Abgabesatz auf 4,8 % gesenkt werden kann. Der Haushalt der KSK für 2013 hat ein Volumen von 893 Mio €. Da bedeuten 20 Mio € Mehreinnahmen gerade mal 2,2 %! Meine Einschätzung: „Zukunftsfest“, wie die Regierung ihren Gesetzesentwurf nennt, ist das meiner Ansicht nach nicht. Zur Erinnerung: Noch 2013 lag der Abgabesatz bei 4,1 %.

Stellungnahmen der Kultur- und Kreativverbände zu dem Gesetzentwurf habe ich bislang mit einer Ausnahme nicht gefunden, lediglich eine knappe Pressemitteilung des „Deutschen Kulturrats“, die den Gesetzentwurf begrüßt. Was ich immer noch vermisse, ist eine eigene Berechnung der Experten, wie sich durch die Mehreinnahmen der Abgabesatz verändern würde. 

Den Text des Gesetzentwurfes können Sie hier als PDF nachlesen: http://www.bmas.de/SharedDocs/Downloads/DE/PDF-Gesetze/KSAStabG-2014.pdf

Mich beeindruckt/irritiert/schockiert dabei vor allem auf Seite 2 der Punkt C. Ganz in der Merkel’schen Diktion von der „alternativlosen Politik“ gibt es laut Bundesministerium zu diesem Gesetz (natürlich) keine Alternativen:

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* Wer besser rechnen kann, darf mich gerne korrigieren. Die Allianz deutscher Designer prognostiziert auf Anfrage den Satz auf 4,5 % – natürlich aufgrund der vorliegenden Zahlen, von denen die Realität vermutlich abweichen wird.

Dieser Text wurde leicht aktualisiert am 23. Juni 2014.

Minus mal Minus ergibt Plus

Hamburg ist gerade voll mit Werbung für den nächsten Sommerurlaub. Mein Sohn begeisterte sich für das Strandmotiv auf den Plakaten des Reise-Portals weg.de und fragte mich gleich, ob wir da nicht mal Urlaub buchen könnten. Ich bin da aber etwas skeptisch:

Rabatt

Der Duden schreibt zum Begriff Rabatt: »unter bestimmten Bedingungen gewährter (meist in Prozenten ausgedrückter) Preisnachlass«. Das Wort Rabatt impliziert also schon eine Minderung; das Minuszeichen* vor dem Prozentwert gehört dementsprechend da nicht hin – es sei denn, Frühbucher zahlen bei weg.de bis 40% mehr… 

* Vermutlich ist das dort verwendete Zeichen auch nicht das Minuszeichen − sondern eher der Bindestrich -. Aber das ist ein anderes Thema.