Mit Profis arbeiten

Eine liebe Kollegin erzählte bei Facebook von einem Angebot, einen Reiseführer zu schreiben – für 1.200 Euro. Ein lächerliches Honorar, wenn man den Aufwand bedenkt – und außerdem zeugt es von mangelnder, besser: gar keiner Wertschätzung für die Arbeit als Autorin, Fotografin etc. Meinen Kommentar dort wiederhole ich hier – leicht abgewandelt – gerne:

Schließt Euch einem Berufsverband an, zum Beispiel der ILLUSTRATOREN ORGANISATION oder Freischreiber oder dem BDG Berufsverband der deutschen Kommunikationsdesigner e.V. Natürlich kostet das etwas, und eine geldwerte Gegenleistung ist vielleicht nicht sofort sichtbar. Aber das Geld ist gut investiert:

Mit mehr und mehr Mitgliedern werden die Verbände stark genug, um bei den potenziellen Auftraggebern aus Wirtschaft und Politik ein Umdenken bezüglich der Wertschätzung von kreativen Leistungen zu bewirken. Nur gemeinsam (im doppelten Sinne: gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen, aber auch gemeinsam mit den Auftraggebern) kann man etwas gegen Preisdumping und für mehr Wertschätzung erreichen!

Und an mögliche Auftraggeber gerichtet: Arbeiten Sie mit Profis. Die erkennt man unter anderem daran, dass sie Mitglied in einem Berufsverband sind.

Und daran, dass sie viele Fragen stellen. Auf Augenhöhe kommunizieren. Solide kalkulieren.

Beleg

Wann ist Design eigentlich gut?

Norbert Möller ist »Executive Creative Director« bei der Peter Schmidt Group und nebenbei Kolumnist für das Branchenblatt w&v. In seiner Kolumne vom 11. April 2017 fragt er »Wann ist Design eigentlich gut?«:

Wir Designer müssen akzeptieren, dass Ästhetik alleine kein sicherer Bewertungsmaßstab für „gutes Design“ ist.

Eine Selbstverständlichkeit, die eigentlich nicht erwähnt werden muss. Natürlich geht es bei (Kommunikations-)Design nicht nur um Geschmack und Ästhetik. Das Design hat eine Aufgabe zu erfüllen und muss ein vorher definiertes Ziel erreichen. Wenn ich von meinen Auftraggebern »Das gefällt mir nicht« höre, dann antworte ich, dass das weitestgehend egal ist:

Erstens muss das Design nicht den Auftraggeber, sondern die Zielgruppe ansprechen (Wurm, Angler und Fisch – Sie wissen schon…) und zweitens kann etwas auch ästhetisch komplett missfallen (auch der Zielgruppe), wenn es denn seinen Zweck erfüllt (Denken Sie beispielsweise an die Seitenbacher-Radiowerbung).

Interessant finde ich Möllers Kolumne auch noch aufgrund eines anderes Aspekts:

Wir [Designer] brauchen zusätzliche objektive Kriterien, um Kunden überzeugen zu können und ihnen die Entscheidung für einen neuen, im ersten Schritt ungewohnten, Entwurf zu erleichtern. (…) Noch besser, wenn man (…) belegt, dass das neue Design Geld spart – oder auch: dass wir Designer dem Unternehmen damit so viel Geld einsparen, dass es uns davon bezahlen kann.

Auch ich vermittle meinen Kunden (besser: Auftraggebern), dass meine Arbeit ihnen einen Mehrwert bietet und damit eine lohnende Investition darstellt. Aber belegen? Das stelle ich mir schwierig vor. Vermutlich sind die Auftraggeber und die Aufträge der Peter Schmidt Group und von Klute Kommunikation nicht vergleichbar. Um belegen zu können, dass meine Arbeit Geld einspart, fehlen mir zumindest die betriebswirtschaftlichen Einblicke in die Kostenstrukturen meiner Auftraggeber.

Einsparungsmöglichkeiten aufzeigen geht sicherlich, diese zu belegen meiner Meinung nach nicht.*

Wir müssen für uns akzeptieren, dass unsere Arbeit nicht bei der Gestaltung aufhört, sondern dass wir uns fundiert damit auseinandersetzen müssen, wie Marken organisiert sind und wie sie Design anwenden.

Das möchte ich gerne ergänzen: Und die Auftraggeber müssen überzeugt werden, dass sie Designer nicht erst am Ende eines Prozesses zum »hübsch machen« hinzu ziehen dürfen, sondern dass sie frühzeitig eingebunden werden sollten, um den maximalen Mehrwert – was auch Einsparungen sein können – zu erzielen.

Dementsprechend antworte ich auf die Aussage »Ich brauche einen Flyer« meist: »Nein. Sie brauchen keinen Flyer. Sie haben ein Ziel, dass Sie erreichen wollen. Lassen Sie uns gemeinsam sehen, ob ein Flyer oder vielleicht etwas ganz anderes der beste Weg ist, dieses Ziel zu erreichen.«


*  Gerne lasse ich mich vom Gegenteil überzeugen!

Kreativwirtschaft – ein Lagebericht für Hamburg

Ende 2016 wurde gemeinsam von der Kulturbehörde der Stadt und der Hamburger Kreativgesellschaft der 2.­ »Kreativ­wirtschafts­bericht Hamburg« vorgestellt. In ihm wird die aktuelle wirtschaftliche Situation der Kreativen in der Hansestadt erläutert. Neben der Auswertung von wirtschaftlichen Zahlen, dem letzten Mikrozensus und einer Umfrage, an der 779 Personen teilnahmen, wurden für jeden der elf (durch die Politik festgelegten) Teilbereiche der Kreativwirtschaft jeweils auch Protagonisten zu ihrem Teilbereich befragt; für die Designwirtschaft wurde auch ich um meine Einschätzungen gebeten, die sich nun in dem Bericht (Seite 77f.) wieder finden. Ich habe den Kreativwirtschaftsbericht (ehrlich gesagt nicht alle 130 Seiten) gelesen, und mir sind ein paar interessante Punkte aufgefallen.

Zunächst ein paar Zahlen, die sich vor allem auf das Jahr 2013 beziehen (Anmerkung: Ich bin kein Statistiker; dementsprechend freue ich mich über eine Nachricht, falls ich an der einen oder anderen Stelle falsch zitiert oder gerechnet habe):

Die Selbstständigen und Unternehmen in der Kreativwirtschaft machen 18,8 % aller Hamburger Unternehmen und Selbstständigen aus. 87.467 Erwerbstätige in der Kreativwirtschaft entsprechen 6,4 % der Hamburger Erwerbstätigen (auf Seite 13 ist von 7,4 % die Rede). Von diesen sind cirka zwei Drittel Beschäftigte, ein Drittel Selbstständige. *

Die Umsätze in der Kreativwirtschaft lagen 2013 bei über 10 Milliarden Euro, was pro Erwerbstätigen ca. 123.000 Euro bedeuten und lediglich 2,6 % der Hamburger Gesamtwirtschaft entsprechen. Von den Selbstständigen liegt bei über der Hälfte (53,1 %) der Jahresumsatz niedriger als 17.500 Euro.

Also: Es sind viele Unternehmen, mit wenig Angestellten, mit noch weniger Umsatz.

In »meinem« Teilbereich, der Designwirtschaft, gibt es ca. 12.000 Erwerbstätige; auch hier sind ein Drittel davon selbstständig. Der Umsatz der Designwirtschaft liegt bei 1,4 Milliarden Euro (117.000 € pro Erwerbstätigem) und stellt damit 11,4 % der Kreativwirtschaft dar.

Der durchschnittliche Umsatz pro Person in der Kreativwirtschaft allgemein, aber auch in der Designwirtschaft darf nicht darüber hinweg täuschen, dass die Lage vieler Selbstständiger prekär ist. Neueste Zahlen der Künstlersozialkasse zeigen, dass der durchschnittliche der über 180.000 dort Kranken- und Rentenversicherten über ein Jahreseinkommen von weniger als 16.000 € verfügt. Andere Umfragen, beispielsweise des Berufsverbands der Kommunikationsdesigner (BDG), kommen zu ähnlichen Zahlen.

Die Hamburger Kreativgesellschaft hat das erkannt. Ihr Geschäftsführer Egbert Rühl weist in seinem Vorwort darauf hin, dass eine Ursache dafür die kleinteilige Struktur und Organisation der Kreativwirtschaft ist: »Das hat zur Folge, dass die strukturellen Mechanismen der wirtschaftspolitischen Aushandlungsprozesse mit Spitzenverbänden und Branchenvertretungen nicht bedient werden können, weil die Kreativwirtschaft solche Strukturen nicht ausbilden kann, weil die Kleinteiligkeit verhindert, dass dafür Kapazitäten zur Verfügung stehen.« Und weiter: »Die große Heterogenität der Kreativwirtschaft (…) stellt ebenfalls ein Hindernis auf dem Weg zu Positionierung und Interessenvertretung dar.« Rühl fordert: »Kreativität ist eben nicht das Öl der digitalen Wirtschaft und Gesellschaft, sondern eine menschliche Fähigkeit, die sich entfaltet, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Dazu gehören mindestens Zusammenarbeit auf Augenhöhe und dass die Akteure immer an dem Profit aus ihren kreativen, innovativen, transformativen Leistungen angemessen beteiligt werden.« (Alle Zitate Seite 9; Hervorhebung von mir)

Meine Hoffnung ist, dass sich daraus auch Handlungsschritte ergeben, also seitens der Kreativgesellschaft und vielleicht auch seitens der Kultur- und der Wirtschaftsbehörde Maßnahmen initiiert und unterstützt werden, die Organisation der Kreativen und die Schaffung von Interessenvertretungen fördert. (Mit Hamburg Hoch 11 gab es diesbezüglich mal einen Ansatz, der aber – so mein Eindruck – irgendwie stecken geblieben und heute bedeutungslos ist.)

 


* Bei diesen Zahlen nicht erfasst wurden dabei die Selbstständigen, die weniger als 17.500 Euro pro Jahr verdienten. Eine Schätzung aufgrund der Daten aus dem Mikrozensus ergibt, dass ca. 14.400 weitere Personen der Kreativwirtschaft zugerechnet werden können.

Haltung zeigen

Ende 2015 schrieb ich hier im Blog dies*:

Von Anfang an meiner Selbstständigkeit war es mir ein Bedürfnis, Mitglied eines Berufsverbandes zu sein. Meine Hauptmotivation dafür war und ist, in einem Zusammenschluss mit Gleichgesinnten an der Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen selbstständiger Designer mitzuwirken. Dazu gehört u.a. Lobbyarbeit, durch die die Wertschätzung von Design bei unseren Auftraggebern aus Wirtschaft, Kultur und Politik erhöht werden soll. (Frank Wagner hat zum Thema »Wert von Design« ein gutes Buch geschrieben.)

Das gilt unverändert.

Um an diesen Zielen zu arbeiten, habe ich entschieden, mich nach einem Jahr Verbands-Abstinenz dem Berufsverband der Kommunikationsdesigner (BDG) anzuschließen. Wichtigstes Kriterium ist für mich dabei, dass der BDG es so wie ich sieht: Als Kommunikationsdesigner bin ich Unternehmer (und kein Künstler), der seinen Auftraggebern einen Mehrwert verschafft (und nicht nur Sachen »anhübscht«)

Ich bin optimistisch, dass es dem BDG gelingt, die damit verbundene Haltung durch langfristige, nachhaltige (Lobby-)Arbeit auch bei den Entscheidern in Politik und Wirtschaft – den Auftraggebern also – zu verankern. Gerne trage ich meinen Teil dazu bei. Mal sehen, wo und wie ich mich diesbezüglich im Verband einbringen kann.

Und warum es grundsätzlich wichtig und richtig ist, Mitglied (s)eines Berufsverbands zu sein, erläutere ich dann mal an anderer Stelle.


* Den Text hatte ich Ende 2015 anlässlich meines Austritts aus der »Allianz deutscher Designer« (AGD) verfasst. Die AGD ist der andere deutsche Berufsverband für Designer, krankt aber einerseits am grundsätzlichen Konstrukt (jede/r darf Mitglied werden, auch Nicht-Designer unabhängig von Beruf und Professionalität) und andererseits am handelnden Personal.

 

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Zum Jahreswechsel

…wünsche ich allen Kunden, Kollegen und Freunden – und allen anderen Menschen auch – friedvolle, entspannte Festtage und ein ebensolches neues Jahr!

weihnachten2016

agenda design 2

agendadesign2-titel»agenda design« heißt ein »Magazin für Gestaltung«, das von der Allianz deutscher Designer (AGD) herausgegeben wird. Die AGD will sich damit »an den aktuellen Diskussionen in der Designszene beteiligen, selbst Position beziehen und uns mit den Positionen anderer auseinandersetzen.« Jede Ausgabe soll sich dementsprechend mit einem Oberthema befassen, das dann aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet wird. In der aktuellen Ausgabe 2 dreht sich alles um »Grenzen«, und zwar »im politischen wie auch im übertragenen Sinne, aber immer im Hinblick auf die Rolle der Gestalter«, wie Chefredakteur Florian Alexander Schmidt im Vorwort schreibt. Dementsprechend unterschiedlich sind dann auch die Artikel:

Design-Professorin Birgit Bauer schreibt in ihrem Text Die Weltverbesserer zunächst über den Anspruch vieler Designer, die Welt zu verbessern. Im weiteren Verlauf geht es dann aber eher darum, wie heutzutage der Begriff »Design« definiert wird. Als Fazit bleibt, dass in einer digitalen, vernetzten, aber gleichzeitig immer individualisierteren Welt der Designbegriff immer unschärfer und eben individueller wird: »Ob ihr Eingreifen (Anm. des Rezensenten: das der jungen DesignerInnen) in die Welt am Ende noch Design heißt, ist ihnen letzlich egal.«

Elvia Wilk befasst sich in Die Mauer als Entwurf mit realen Grenzen, Zäunen und Mauern – wie der Absperrung zwischen den USA und Mexiko, die Sperranlagen im Westjordanland oder der nicht mehr existenten Berliner Mauer. »Sicherheit« ist staatlich wie privat derzeit ein großes Geschäft, und so gibt es viele praktische, aber auch spielerische Ideen, was mit Grenzen zusätzlich erreicht werden kann, wie Solarzellen zur Energiegewinnung oder spezielle Schleusen, die Tieren den Grenzübertritt weiterhin ermöglichen. Aber auch Wippen für grenzüberschreitendes gemeinsames Spielen oder eine für Lebensmittel durchlässige »Burrito Wall«. Abschließend fordert Wilk: »Architekten und Designer müssen Verantwortung übernehmen (…) für die politische und soziale Dimension ihrer Profession.«

Chefredakteur Schmidt schreibt in #Neuland über die Idee künstlicher Inseln. Dort sollen neue Gesellschaftsformen gelebt werden – was in der Softwareentwicklung so gut funktioniert, soll demzufolge in allen Lebensbereichen der richtige Weg sein. Seasteading nennt sich die Idee, die parlamentarische Demokratie als innovationsfeindlich ablehnt. Regierungen sollen nach dem Prinzip des freien Marktes um ihre Bürger konkurrieren. Und da alles Land schon verteilt ist, soll also aufs Meer ausgewichen werden. »Kurzum: die Errungenschaften der Zivilisation, bloß ohne die lästigen Pflichten.«

In einem Interview erläutern Sabine Müller und Andreas Quednau vom Architekturbüro SMAQ ihre Ideen für die Umgestaltung der Palmen-Insel, die vor einigen Jahren vor Dubai im Meer künstllich angelegt wurde. um Nachhaltigkeit und Gemeinschaft zu fördern, plädieren die beiden für die Renaturierung des einen Teil der Insel und urbane Verdichtung der anderen Insel-Hälfte.

Im anschließenden Text Die Ernie-Offensive schreibt AGD-Vorsitzender Andreas Jacobs über seine beiden Gehirnhälften, die er Ernie und Bert nennt: Bert ist diszipliniert, Ernie chaotisch. Und nur wenn nach Bert auch Ernie zum Einsatz kommt, entstehen wirklich kreative Ideen.

agendadesign2-innen

Der zweite Teil des Magazins stellt verschiedene Kreative vor: Der »Projektor« überschriebene Abschnitt zeigt Arbeiten von AGD-Mitgliedern, diesmal aus den Bereichen Kommunikationsdesign, Fotodesign und Kunst. Wie die Auswahl der gezeigten Kreativen erfolgt, wird nicht erläutert.

Die vorliegende »agenda design 2« ist ein interessanter, mitunter anregender Lesestoff, überzeugend in Form gebracht von Jan-Hendrik Schmidt. Alle Texte unter einem Thema zu bündeln und aus verschiedenen Blickwinkeln unterschiedliche Aspekte in längeren Texten zu betrachten, ist ein guter Ansatz.

Das selbst gesteckte Ziel der AGD, sich dadurch »an den aktuellen Diskussionen in der Designszene [zu] beteiligen, selbst Position [zu] beziehen und uns mit den Positionen anderer auseinander[zu]setzen«, wird allerdings (noch?) nicht erreicht. Dafür sind die Artikel der vorliegenden Ausgabe eher informativ als pointiert und Stellung beziehend. Aber das kann man von der zweiten Ausgabe einer neuen Publikation vielleicht auch nicht erwarten.

Es muss dementsprechend die Weiterentwicklung abgewartet werden, ob »agenda design« die knapp über 30.000 €, die jede Ausgabe den Verband kostet (abzüglich der Einnahmen), rechtfertigt.

»agenda design« versteht sich nicht als Mitgliedermagazin o.ä., ist bislang allerdings nur über die Website der AGD für 12,50 €  zu bekommen und nicht im Zeitschriftenhandel (nur punktuell in Berlin)  erhältlich. Mitglieder erhalten ein Exemplar kostenlos zugeschickt.

Ein Kritikpunkt: Die Anzeige der Druckerei Wanderer, die das Magazin klimaneutral gedruckt hat, ist einfach nur peinlich und unangebracht mit ihrer komplett sinnfreien Zurschaustellung nackter Frauen. Unverständlich, dass die Redaktion bzw. die Herausgeber da kein Veto eingelegt haben.


Anmerkung: Ich bin kein Mitglied der AGD. Vielen Dank an AGD-Vorstandsmitglied Sabine Reister, von der ich ein Rezensionsexemplar kostenlos erhielt. Die Geschäftsstelle der AGD lehnte dies ab.

 

Künstlersozialkassenprekariat?

Jan-Peter Wahlmann, Vorstandsmitglied der Allianz deutscher Designer e.V. (AGD), kritisiert in einem auf der Website der AGD veröffentlichten Text mit der Überschrift »Künstlerprekariat« , dass bei der Definition des Begriffs »Prekariat« die Zufriedenheit mit der eigenen (beruflichen) Situation nicht berücksichtigt wird. Zugleich rät er, bei Problemen das Gespräch mit Kollegen zu suchen.

Allgemein scheint sich im Netz niemand für den Text zu interessieren. Zu Recht, wie ich zunächst fand. Auch ich habe den Text erst nur überflogen. Denn die Forderung, bei der Definition von Prekariat auch die Zufriedenheit zu berücksichtigen, halte ich für falsch und sogar kontraproduktiv und gefährlich, wenn es darum geht, die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Designer zu verbessern. Und das ist – zumindest laut Satzung – ein Ziel der AGD.

Vor kurzem erschien zu diesem Thema ein sehr interessantes Interview, in dem sich die Arbeitssoziologin Alexandra Manske zur Arbeitswelt insbesondere in der Kultur- und Kreativwirtschaft äußert. Sie sieht zutreffend die große Gefahr weit verbreiteter Altersarmut, eben gerade auch durch die von Wahlmann so titulierte »Zufriedenheit«, die bei Manske eher »Selbstverwirklichung« heißt.

In einer nicht-öffentlichen Facebook-Gruppe hat sich ein Designer-Kollege dann doch mit dem Text beschäftigt und so echauffiert, dass ich ihn doch noch mal genauer gelesen habe. In der Einleitung geht Wahlmann auf die Begriffe Künstlerprekariat und Künstlersozialkasse ein:

Vor ein paar Jahren fragte mich ein Kunde, ob man als Designer von seiner Arbeit überhaupt leben kann. Damals hörte ich zum ersten Mal vom »Künstlerprekariat«. Inzwischen wird dieser Begriff schon fast inflationär verwendet. Politiker, Wissenschaftler und Verbandsfunktionäre reden gern vom Prekariat, um die wirtschaftliche Situation der Kreativen in einem dramatischen Licht darzustellen.

Künstlerprekariat wird seiner Meinung nach »fast inflationär« gebraucht. Google sieht das ziemlich anders – wobei man natürlich darüber diskutieren kann, ab wann etwas »fast inflationär« ist*:

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Der Begriff Künstlerprekariat wurde von Chris Dercon in einem Interview im Magazin »monopol« im Jahr 2010 geprägt. Nachdem der Artikel vor sechs Jahren kurz Wellen geschlagen hat, wurde es danach wieder ziemlich still um das Thema und den Begriff. Zumindest für das geschriebene, veröffentlichte Wort »Künstlerprekariat« gilt also nicht, dass es gerne benutzt wird.

Kombiniert mit dem Begriff der »Künstler-Sozial-Kasse« entsteht so der Eindruck, dass die Designer wirtschaftlich unfähig sind und von der Gesellschaft alimentiert werden müssen. Doch entspricht das überhaupt der Wahrheit?

Ob das der Wahrheit entspricht, also ob Designer wirtschaftlich unfähig sind und ob sie von der Gesellschaft alimentiert werden müssen, wird im Text nicht erörtert. Es bleibt unklar, ob es ihm hier nur um die Begriffe geht, oder ob er vielleicht sogar das ganze Konstrukt Künstlersozialkasse – zumindest für Designer – in Frage stellt.

Wenn es um den Begriff KSK geht: 

Der Begriff »Künstlersozialkasse« ist sicherlich wirklich nicht zeitgemäß, gerade bei der großen Anzahl an Berufsgruppen, die sich neben Künstlern und Designern über die KSK versichern können. Eine passenderer Name wäre wünschenswert. (Andererseits: Denkt jeder Arbeitgeber, seine Angestellten seien dauerhaft krank, nur weil er dauerhaft für seine Angestellten Beiträge an die Krankenkasse abführen muss?)

Wenn es um die Institution KSK geht: 

Möchte Wahlmann (oder der AGD-Vorstand – unterzeichnet ist die Veröffentlichung mit »Jan-Peter Wahlmann, AGD-Vorstand«) andeuten, dass er das Konstrukt Künstlersozialkasse kritisch sieht bzw. vielleicht sogar in Gänze für Designer ablehnt? Richtig ist: Designer sind keine Künstler. Gerade die Berufsverbände betonen immer wieder, dass Design ein Wirtschaftsfaktor ist. Darum könnte man berechtigt die Frage diskutieren, ob Designern grundsätzlich die Möglichkeit der Absicherung (»von der Gesellschaft alimentiert«) über die KSK erlaubt sein soll. Aber diese wie ich finde interessante Frage beantwortet Wahlmann leider nicht.


* Google-Suchergebnisse hängen immer von dem eigenen Suchverhalten ab. Die genaue Zahl kann bei jedem Suchvorgang anders sein.
Für den Ausdruck »fast inflationär« gibt es bei Google übrigens immerhin knapp 16.000 Treffer… :-)

KSK v16.1

Am 11. Januar 2016 war der Kölner Anwalt Andri Jürgensen in Hamburg zu Gast, um Studierenden und Berufsanfängern aus dem künstlerischen Bereich die Grundzüge der Künstlersozialkasse zu erläutern. Ich bin zwar kein Berufsanfänger mehr und beschäftige mich schon länger mit der KSK, erhielt aber dennoch auch ein paar interessante Infos durch den Vortrag. Eingeladen hatte die Kreativgesellschaft Hamburg, wodurch der Vortrag kostenlos war.*

Zur KSK hatte ich schon in den vergangenen Jahren (2013|2014|2015) Blog-Beiträge veröffentlicht. Der verrückteste für mich neue Aspekt diesmal:

Werbefotografen, die mit ihren Fotos Geld verdienen, sind gemäß KSK-Definition „Künstler“ und dürfen damit in die KSK.

Künstlerische Fotografen, die mit ihren Arbeiten kein Geld verdienen, sind hingegen keine „Künstler“ nach KSK-Definition und damit nicht KSK-berechtigt. (Es sei denn, sie können durch z.B. Ausstellungen [wobei es da wieder wichtig sei, wo diese statt finden] oder Mitgliedschaft im BBK nachweisen, dass sie als Künstler anerkannt sind…)

Andri Jürgensen betonte außerdem sehr deutlich die Unterschiede zwischen privater (PKV) und gesetzlicher Krankenversicherung (GKV) und sprach eine deutliche Empfehlung für die gesetzliche aus: Die Beiträge zur PKV sind vom Einkommen abgekoppelt und steigen (fast) jedes Jahr. Die Beiträge zur GKV orientieren sich hingegen am Einkommen und sinken damit, wenn es mal nicht so gut läuft. Und zur PKV bekommt man nur bis zu 50% Zuschuss (nie mehr als der Zuschuss zur GKV wäre), zur GKV hingegen immer 50% Zuschuss.

Wer zwischendurch mal für ein Jahr oder länger angestellt und in dieser Zeit zwangsläufig nicht über die KSK versichert ist, ist anschließend nicht automatisch wieder KSK-berechtigt, sondern wird wieder ganz neu geprüft.

Auch bei anderen Punkten fand Herr Jürgensen klare Worte:

Rufen Sie nie bei der KSK an. Das bringt nichts.

Es bleibt spannend, wie es mit der KSK weiter geht. Durch das »Künstlersozialabgabestabilisierungsgesetz« erhält die Rentenversicherung seit vergangenem Jahr Zuschüsse und damit ausreichend Ressourcen, um 400.000 statt bislang 70.000 Unternehmen zu prüfen. Ob das angestrebte Ziel von 18 bis 20 Millionen Euro Mehreinnahmen damit erreicht wurde, ist noch nicht klar – die Zahlen für 2015 liegen noch nicht vor.


* Gerade beim Thema KSK erlebe ich immer noch viel Unwissenheit, auch bei Nicht-Berufsanfängern. Hier könnte die Kreativgesellschaft gerne aktiv(er) werden.