Jan-Peter Wahlmann, Vorstandsmitglied der Allianz deutscher Designer e.V. (AGD), kritisiert in einem auf der Website der AGD veröffentlichten Text mit der Überschrift »Künstlerprekariat« , dass bei der Definition des Begriffs »Prekariat« die Zufriedenheit mit der eigenen (beruflichen) Situation nicht berücksichtigt wird. Zugleich rät er, bei Problemen das Gespräch mit Kollegen zu suchen.

Allgemein scheint sich im Netz niemand für den Text zu interessieren. Zu Recht, wie ich zunächst fand. Auch ich habe den Text erst nur überflogen. Denn die Forderung, bei der Definition von Prekariat auch die Zufriedenheit zu berücksichtigen, halte ich für falsch und sogar kontraproduktiv und gefährlich, wenn es darum geht, die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Designer zu verbessern. Und das ist – zumindest laut Satzung – ein Ziel der AGD.

Vor kurzem erschien zu diesem Thema ein sehr interessantes Interview, in dem sich die Arbeitssoziologin Alexandra Manske zur Arbeitswelt insbesondere in der Kultur- und Kreativwirtschaft äußert. Sie sieht zutreffend die große Gefahr weit verbreiteter Altersarmut, eben gerade auch durch die von Wahlmann so titulierte »Zufriedenheit«, die bei Manske eher »Selbstverwirklichung« heißt.

In einer nicht-öffentlichen Facebook-Gruppe hat sich ein Designer-Kollege dann doch mit dem Text beschäftigt und so echauffiert, dass ich ihn doch noch mal genauer gelesen habe. In der Einleitung geht Wahlmann auf die Begriffe Künstlerprekariat und Künstlersozialkasse ein:

Vor ein paar Jahren fragte mich ein Kunde, ob man als Designer von seiner Arbeit überhaupt leben kann. Damals hörte ich zum ersten Mal vom »Künstlerprekariat«. Inzwischen wird dieser Begriff schon fast inflationär verwendet. Politiker, Wissenschaftler und Verbandsfunktionäre reden gern vom Prekariat, um die wirtschaftliche Situation der Kreativen in einem dramatischen Licht darzustellen.

Künstlerprekariat wird seiner Meinung nach »fast inflationär« gebraucht. Google sieht das ziemlich anders – wobei man natürlich darüber diskutieren kann, ab wann etwas »fast inflationär« ist*:

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Der Begriff Künstlerprekariat wurde von Chris Dercon in einem Interview im Magazin »monopol« im Jahr 2010 geprägt. Nachdem der Artikel vor sechs Jahren kurz Wellen geschlagen hat, wurde es danach wieder ziemlich still um das Thema und den Begriff. Zumindest für das geschriebene, veröffentlichte Wort »Künstlerprekariat« gilt also nicht, dass es gerne benutzt wird.

Kombiniert mit dem Begriff der »Künstler-Sozial-Kasse« entsteht so der Eindruck, dass die Designer wirtschaftlich unfähig sind und von der Gesellschaft alimentiert werden müssen. Doch entspricht das überhaupt der Wahrheit?

Ob das der Wahrheit entspricht, also ob Designer wirtschaftlich unfähig sind und ob sie von der Gesellschaft alimentiert werden müssen, wird im Text nicht erörtert. Es bleibt unklar, ob es ihm hier nur um die Begriffe geht, oder ob er vielleicht sogar das ganze Konstrukt Künstlersozialkasse – zumindest für Designer – in Frage stellt.

Wenn es um den Begriff KSK geht: 

Der Begriff »Künstlersozialkasse« ist sicherlich wirklich nicht zeitgemäß, gerade bei der großen Anzahl an Berufsgruppen, die sich neben Künstlern und Designern über die KSK versichern können. Eine passenderer Name wäre wünschenswert. (Andererseits: Denkt jeder Arbeitgeber, seine Angestellten seien dauerhaft krank, nur weil er dauerhaft für seine Angestellten Beiträge an die Krankenkasse abführen muss?)

Wenn es um die Institution KSK geht: 

Möchte Wahlmann (oder der AGD-Vorstand – unterzeichnet ist die Veröffentlichung mit »Jan-Peter Wahlmann, AGD-Vorstand«) andeuten, dass er das Konstrukt Künstlersozialkasse kritisch sieht bzw. vielleicht sogar in Gänze für Designer ablehnt? Richtig ist: Designer sind keine Künstler. Gerade die Berufsverbände betonen immer wieder, dass Design ein Wirtschaftsfaktor ist. Darum könnte man berechtigt die Frage diskutieren, ob Designern grundsätzlich die Möglichkeit der Absicherung (»von der Gesellschaft alimentiert«) über die KSK erlaubt sein soll. Aber diese wie ich finde interessante Frage beantwortet Wahlmann leider nicht.


* Google-Suchergebnisse hängen immer von dem eigenen Suchverhalten ab. Die genaue Zahl kann bei jedem Suchvorgang anders sein.
Für den Ausdruck »fast inflationär« gibt es bei Google übrigens immerhin knapp 16.000 Treffer… :-)